Foto Prof. Dr. med. Julian Bösel Fotonachweis Klinikum KasselAus früheren retrospektiven Studien gibt es Hinweise, dass der Zeitpunkt der Anlage einer Tracheotomie (TT) bei beatmeten Schlaganfall-Patientinnen und Patienten das Outcome beeinflussen könnte – bzw. dass die Frühtracheotomie Vorteile gegenüber dem Standardvorgehen (mit prolongierter Intubation und ggf. späterer Tracheotomie) haben könnte. In bis zu 40% seien in dieser Population Schwierigkeiten beim standardmäßigen Weaning zu erwarten, erläuterte Prof. Dr. med. Julian Bösel, Kassel, Präsident der Deutsche Gesellschaft für NeuroIntensiv- und Notfallmedizin e.V. (DGNI), zu Beginn seines Vortrages bei der Eröffnungsveranstaltung der ESOC 2022. Potenzielle Vorteile einer frühzeitigen Tracheotomie seien beispielsweise eine reduzierte Atemarbeit, eine frühere Reduktion notwendiger Analgosedativa, eine bessere Frühmobilisierbarkeit und Verkürzung der Intensivbehandlung. In der bislang einzigen prospektiven randomisierten Studie SETPOINT („Stroke-related Early Tracheostomy vs. Prolonged Orotracheal Intubation in Neurocritical care Trial”) wurden 60 Erkrankte mit schwerem Schlaganfall (ischämischer Schlaganfall, intrazerebrale oder Subarachnoidalblutung) entweder nach <3 Tagen oder nach ≥7 Tagen (bei erfolgloser Extubation) tracheotomiert, wobei sich für die Frühtracheotomie für mehrere sekundäre Endpunkte Vorteile zeigten (im Verlauf weniger Sedierung, kürzere Beatmungsdauer, niedrigere Mortalität).

Photo by National Cancer Institute on Unsplash kleinDie Deutsche Gesellschaft für NeuroIntensiv- und Notfallmedizin e. V. (DGNI) schreibt 2023 erneut einen Preis zur Projektförderung von NachwuchswissenschaftlerInnen aus. Mit dem Pflege- und Therapiepreis will die DGNI Pflegekräfte und TherapeutInnen würdigen, die mit ihrem professionellen pflegerischen und therapeutischen Wissen und Handeln zur Verbesserung der Versorgung von NeuroIntensivpatienten beitragen. 

Prof. Dr. med. Julian Bösel Foto: Klinikum KasselPatienten, die infolge einer SARS-Cov-2-Infektion intensivpflichtig werden, können schwerwiegende neurologische Manifestationen entwickeln, die DGNI berichtete darüber

Aus mehreren Studien, die auch COVID-19-Intensivpatienten enthielten oder auf diese fokussiert waren, ergaben sich je nach Selektions- und Definitionskriterien Häufigkeiten solcher Affektionen des Nervensystems von ca. 13-50% und Assoziationen mit höherer Mortalität und Morbidität. 

Die mit Unterstützung der DGNI durchgeführte IGNITE-Studie PANDEMIC fokussiert sich ausschließlich auf COVID-19-Intensivpatienten und fand, vergleichbar mit anderen Studien, als häufigste Manifestationen Enzephalopathien, ischämische/ hämorrhagische Schlaganfälle und neuromuskuläre Komplikationen wie die Critical Illness Neuropathie/Myopathie (Dimitriadis et al., submitted). Gut passend dazu und wenig überraschend werden in der neurorehabilitativen Literatur zu dieser Patientengruppe fortbestehende Lähmungen, kognitive und emotionale Symptome berichtet. Diese können Ausprägungen eines Post-Covid-Syndroms (Symptome >2 Monate andauernd, >3 Monate nach Infektion (noch) vorhanden) darstellen, das in anderer Form sonst auch nach milden oder moderaten COVID-19-Verläufen auftritt.

Taube2

Liebe Mitglieder und Interessierte der DGNI, liebe Kolleginnen und Kollegen,

wir als Tätige in der Neuro-Intensivmedizin und -Notfallmedizin kennen katastrophale Erkrankungen und immenses menschliches Leid, das mitunter plötzlich über unsere Patienten hereinbricht, sehr gut, und engagieren uns fortwährend dafür, ihnen zu helfen und ihre Situation zu verbessern.

Nun wütet nach jahrzehntelangem Frieden in Europa ein Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine, der menschliches Leid in schrecklichem Ausmaß und insbesondere für die Zivilbevölkerung bedeutet. Auch soziale Einrichtungen und Krankenhäuser stehen unter Beschuss, und die allgemeine wie auch medizinische Versorgung von Bürgern und Patienten der Ukraine ist in höchstem Maße bedroht.

Die DGNI verurteilt die Kriegshandlungen in der Ukraine und appelliert an alle Verantwortlichen, die Kampfhandlungen unverzüglich einzustellen, Friedensverhandlungen zu forcieren und die allgemeine wie auch medizinische Versorgung der Bevölkerung zu ermöglichen.

Um einen kleinen Beitrag zur Linderung des Leids zu leisten und die medizinische Versorgung der Patienten in der Ukraine zu unterstützen, spendet die DGNI im Sinne ihrer gesellschaftlichen Verantwortung 10.000 € an die action medeor e.V. . Diese Hilfsorganisation wurde ausgewählt, weil sie über weitreichende Erfahrung mit medizinscher Hilfe in Krisen- und Kriegsgebieten verfügt und wir darauf vertrauen können, dass unsere Hilfe auch dort ankommt, wo sie ankommen soll.

Außerdem fordern wir unsere Mitglieder auf, individuell zu spenden und Hilfe anderer Art für die Menschen in und Geflüchtete aus der Ukraine anzubieten.

Die DGNI wünscht den Menschen in der Ukraine und uns allen Frieden und die Lösung von Konflikten ohne Waffen.

Prof. Dr. med. Julian Bösel

Präsident der DGNI

Für das Präsidium der DGNI

NeuroIntensiv-Preis der DGNI und DGN 2022, DGNI Nachwuchsförderungspreis, Pflege- und Therapiepreis der DGNI und 1. Posterpreis bei der ANIM 2022

Preisträger (v.l.n.r.) S. Reitz, H. Neugebauer, S. Franz, WonSich gemeinsam für die NeuroIntensiv- und Notfallmedizin stark machen und dabei innovative Forschungsprojekte und Pflege- und Therapieleistungen würdigen – auf dieser Grundlage wurden im Rahmen der 39. Arbeitstagung der DGNI und DSG wieder verschiedene Preise verliehen. Der NeuroIntensiv-Preis der DGNI und DGN 2022 ging an PD Dr. med. Hermann Neugebauer, Klinik und Poliklinik für Neurologie, Universitätsklinikum Würzburg. Den DGNI-Nachwuchsförderungspreis erhielt Dr. med. Sae-Yeon Won, Klinik und Poliklinik für Neurochirurgie, Universitätsmedizin Rostock. Dr. rer. medic. Shiney Franz, Pflegewissenschaften Universitätsmedizin Göttingen, wurde mit dem DGNI Pflege- und Therapiepreis ausgezeichnet. Dr. med. Sarah Christina Reitz, Klinik und Poliklinik für Neurochirurgie, Universitätsklinikum Frankfurt am Main, konnte sich über den 1. Posterpreis freuen. In kurzen Interviews gaben die Preisträger Einblicke in ihre Forschungsarbeiten und nächsten Vorhaben.