Pressemeldungen

Immer mehr ältere Bundesbürger können sich einer höheren Lebenserwartung bei guter Lebensqualität erfreuen. Kommt es bei einem sonst rüstigen älteren Menschen zu einer plötzlichen Erkrankung des Gehirns, stellt sich oft die Frage, ob eine überbrückende intensivmedizinische Behandlung sinnvoll und angemessen ist. Denn nur bei einer adäquaten fachspezifischen neurointensivmedizinischen Betreuung verbessern sich Outcome und Sterberate, das belegen diverse nordamerikanische Studien. Doch in den Kliniken fehlt es an NeuroIntensivmedizinern. Nicht nur auf den Intensiv- und Notfallstationen, auch in den zunehmend entstehenden Überwachungsstationen – sogenannten „Neuro-Intermediate Care“ oder „High-Dependency“-Stationen für schwerpunktmäßig operierte und neurotraumatologische Patienten oder für überwachungspflichtige neurologische Patienten –  sei es dringend notwendig, dass diese hochspezialisierten Fachärzte für die Patienten zur Verfügung stehen, wie Prof. Dr. med. Oliver Sakowitz, Ludwigsburg, Neurochirurg und Präsident der Gesellschaft für NeuroIntensiv- und Notfallmedizin (DGNI), betont. In den meisten Fällen könne nur dann überhaupt ein Zustand erreicht werden, von dem aus Patienten mit Rehabilitationspotential wieder in ein selbstbestimmtes Leben zurückfinden.

Tatsächlich steigt die Zahl dieser NeuroIntensivpatienten gerade unter den älteren Patienten kontinuierlich. Erkrankungen und Verletzungen im höheren Lebensalter sind oft komplex, wenn es um funktionelle und strukturelle Störungen des Zentralnervensystems geht, zum Beispiel bei Schlaganfall und Hirnblutungen. Die heute zur Verfügung stehenden neuen Therapien und Interventionen wie Aneurysmaversorgung, Stenting von hirnversorgenden Arterien und mechanische Rekanalisation erfordern dringend eine intensivmedizinische Nachbetreuung, zumal bei vermehrter Diagnose von Herzrhythmusstörungen, wie z.B. Vorhofflimmern, im höheren Lebensalter mehr Blutverdünner verordnet werden.  Auch gibt es im Alter mehr Stürze mit Schädel-Hirn-Trauma. Die Behandlung älterer Patienten wird zusätzlich sehr häufig von einem Delir mit Verwirrtheit, Desorientiert, Angst, Erregung und Kreislaufregulationsstörungen erschwert und erfordert besondere Kenntnisse über diese komplexe neurologische Funktionsstörung. Ein adäquater Umgang mit den oft schwer betroffenen Patienten auf der Intensivstation stellt Mediziner vor größte Herausforderungen in Diagnostik, Therapie, Pflege und Ethik. Gleichzeitig hat sich die NeuroIntensiv- und Notfallmedizin mit vielen krankheitsspezifischen Leitlinien weiterentwickelt, die auf zentrale Betreuung dieser Patienten abzielen. Mit experimentellen Studien, klinischen Untersuchungen und aktueller Versorgungsforschung rückt sie immer mehr in den Fokus.

Die bestehende Situation, dass es in vielen Fällen an NeuroIntensivmedizinern fehlt, kann für die betroffenen Patienten dramatische Auswirkungen haben. Wenn den Patienten keine fachspezifische Betreuung zukommt, finden bestimmte Aspekte keine Beachtung wie z.B. Neglect, Schluckstörungen oder hirnprotektive Intensivmedizin. Wie Prof. Dr. med. Julian Bösel, Kassel, Neurologe und zukünftiger Präsident der DGNI, betont, umfasst NeuroIntensivmedizin „die Erkrankungen des Nervensystems in ihrer extremsten Form, das komplexe Zusammenspiel mit systemischen Entgleisungen und die Möglichkeiten, per Neuromonitoring, Diagnostik und Therapie einzugreifen.“

Wie eklatant der Mangel an diesen speziell ausgebildeten Fachärzten ist, verdeutlichen aktuelle Zahlen: Bisher ist nur in jeder dritten Intensivstation ein NeuroIntensivmediziner präsent und bundesweit gibt es nur rund 70 spezialisierte NeuroIntensivstationen, wo Patienten unter Federführung von NeuroIntensivmedizinern behandelt werden, zumeist in Universitätskliniken und Kliniken mit Maximalversorgung. Dabei machen NeuroIntensivpatienten unter den ca. 2,1 Millionen Behandlungsfällen in Krankenhäusern mit intensivmedizinischer Versorgung etwa 10-15% aus. Um die Patientenversorgung zu optimieren, suchen Kliniken für ihre Intensivteams dringend junge NeuroIntensivmediziner oder Neurologen und Neurochirurgen mit intensivmedizinischen Zusatzweiterbildungen.

PreistraegerZur ANIM 2019 in Berlin wurden im Rahmen der feierlichen Kongresseröffnung am 17. Januar von  Prof. Dr. med. Georg Gahn M.B.A., Karlsruhe, die Förderungspreise der DGNI 2019 vergeben. Frau Dr. med. Katja Wartenberg, Klinik und Poliklinik für Neurologie Universitätsklinikum Leipzig, erhielt für ihr Projekt „Prognostische Indikatoren bei Subarachnoidal- und intrazerebralen Blutungen: Vergleich von Prognosescores und Einschätzung des behandelnden Teams“ eine DGNI-Forschungprojektförderung in Höhe von 30.000 Euro. An Dr. med. Harald Krenzlin, Neurochirurgische Klinik und Poliklinik der Universitätsmedizin Mainz Johannes Gutenberg-Universität, wurde der mit 20.000 Euro dotierte DGNI-Nachwuchsförderpreis für seine herausragende Arbeit „Das zerebrale Thrombin-System als Modulator des sekundären Hirnschadens und möglicher Angriffspunkt in der Therapie intrazerebraler Blutungen im Mausmodell“ verliehen.

Außerdem vergab die DGNI drei Posterpreise für aktuelle Forschungsarbeiten und würdigte mit dem DGNI Pflegepreis Pflegekräfte, die in einer Projektarbeit professionelles Wissen und Handeln zeigen, das zur Verbesserung der intensivmedizinischen Patientenversorgung in der Neurologie und Neurochirurgie beiträgt. Den Pflegepreis bekam Markus Prinz, Stationsleitung Neurointensivstation Universitätsklinikum Erlangen, für seine Arbeit „Einführung eines ganzheitlichen Delirkonzeptes auf einer Neurointensivstation – vom ersten Gedanken bis zur Umsetzung“. Anne Mrochen, Universitätsklinikum Erlangen, wurde mit dem mit 800 Euro dotierten 1. Posterpreis für die Untersuchung „Dienstzeiten bei der Krankenhausaufnahme – Auswirkungen auf Behandlung und Prognose bei der intrazerebralen Blutung“ ausgezeichnet.

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Mit großem Erfolg fand zum 36. Mal die gemeinsame Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Neurointensiv- und Notfallmedizin (DGNI) und der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG) statt: die ANIM 2019Arbeitstagung NeuroIntensivMedizin in Berlin. Über 1200 Ärzte, Wissenschaftler, Pflegekräfte und Therapeuten nutzten vom 17. bis 19. Januar 2019 das umfangreiche Kongressprogramm mit 240 spannenden Vorträgen, 100 Posterbeiträgen und 8 Workshops, um ein weitreichendes Update in der Neurointensivmedizin, Neurologie und Neurochirurgie zu gewinnen und neue Erkenntnisse zu diskutieren.
„Ich bin begeistert von dem Feeling auf dem ANIM-Kongress!“, so DGNI-Past-Präsident Prof. Dr. Georg Gahn M.B.A, Karlsruhe, schon während der Kongresseröffnung im gut besuchten Plenum bei der feierlichen Übergabe der Forschungsförderungspreise zur Auszeichnung junger Ärzte und Wissenschaftler. „Unsere Themen stehen im Brennpunkt der Medizin!“ Mit dem Schwerpunkt in der  Forschung, wissenschaftlichen Fortschritten und der Fortbildung aller in der NeuroIntensivmedizin tätigen Berufsgruppen präsentierte sich die DGNI als eine weiterhin wachsende interdisziplinäre Gesellschaft mit einer steigenden Zahl von Neurochirurgen.

Die Intention des Tagungspräsidenten Prof. Dr. Helmuth Steinmetz, Frankfurt am Main, auf der diesjährigen ANIM die erfolgreich etablierte NeuroIntensivmedizin weiter kreativ voranzubringen, wurde an den drei Kongresstagen in vielen anregenden Diskussionen zu den vielfältigen Tagungsthemen erfolgreich umgesetzt. Besonders am Herzen lagen ihm alle interdisziplinären Themen, die Neurologie und Neurochirurgie als Kernfächer der DGNI verbinden, vor allem die Schlaganfallbehandlung, alle intensivmedizinischen Themen und die Weiterentwicklung der gemeinsamen Neuro-Intensivpflege, die er besonders hervorhob: „Erneut hat die ANIM ihre Vorbildfunktion hinsichtlich Integration der Pflege in ein Kongressprogramm unter Beweis gestellt.“ Dies sei das besondere Verdienst der vier Mitglieder der Pflegeprogrammkommission mit ihrer Kreativität und „Selbstorganisation“.

Thematische Tagungsschwerpunkte waren unter anderem die Prä- und die Posthospitalphase der Schlaganfallbehandlung sowie die Subarachnoidalblutung und die Neuroinfektiologie. Aktuelle Erkenntnisse zur Sekundärprophylaxe und zur Akutversorgung beim Schlaganfall waren ein weiterer Schwerpunkt. Wie Prof. Dr. Armin Grau, Präsident der DSG aus Ludwigshafen am Rhein, hervorhob, bietet Deutschland zwar mit über 300 zertifizierten Stroke Units in der Akutversorgung eine gute Qualität, doch fehlt im Bereich der Nachsorge ein gutes Konzept.

Zwei spannende DSG-Symposien berichteten über neueste Erkenntnisse zur Sekundärprophylaxe und zur Akutversorgung beim Schlaganfall. Prof. Dr. Joachim Röther, Hamburg, stellte den aktuellen Stand der Neurovaskulären Netzwerke mit 324 zertifizierten Stroke Units vor. Zur Akutversorgung des Schlaganfalls stellte Prof. Dr. Darius Nabavi, Berlin, die im Europäischen Vergleich gute Entwicklung der Netzwerke in den Stroke Units und bei den Interventionalisten heraus, wobei jedoch die Verlegungsprozesse zur mechanischen Thrombektomie noch stark unzureichend seien und in der Mehrzahl deutlich über 60 Minuten liegen. Prof. Dr. Gerhard Hamann, Günzburg, stellte in seinem Vortrag die Wirksamkeit der mechanischen Thrombektomie an aktuellen Studien vor und rief dazu auf, auch Patienten mit einem späten Zeitfenster von 6 bis 16 Stunden, in Einzelfällen bis zu 24 Stunden, zur Thrombektomie zu identifizieren nach dem Credo „Eher behandeln als nicht behandeln“. Dass intravenöse Thrombolyse und Thrombektomie effektive Behandlungsoptionen im erweiterten Zeitfenster und bei unbekanntem Zeitbeginn bei ausgewählten Patienten sein können, stellte Prof. Dr. Christian Gerloff, Hamburg, an detaillierten Ergebnissen aus der Wake-Up- und der EXTEND-Studie vor.

Ein wichtiger Fokus lag wieder auf Konzepten der Ausbildung und Nachwuchsförderung. Das erstmals von DGN und DGNI entwickelte praxisnahe Curriculum für neurologische Notfallmedizin zur Unterstützung der praktischen Ausbildung junger Assistenzärzte in den Notaufnahmen der Krankenhäuser wurde gut angenommen.

Der Emergency Neurologic Life Support (ENLS) Kurs, der nach dem erfolgreichen Start auf der letzten ANIM auch in diesem Jahr angeboten wurde, war mit über 90 Teilnehmern bestens besucht. Der von NeuroIntensiv-Medizinern und Notärzten entwickelte und von zertifizierten ENLS-Trainern durchgeführte Reanimationskurs für alle Neuro-Notfälle von Hirnblutung, Neurotrauma bis zur Myasthenen Krise vermittelte fachdiszipinübergreifend Algorithmen, Protokolle und Checklisten für das Notfallmanagement in den ersten Stunden nach Eintreffen des Patienten mit 14 verschiedenen Krankheitsbildern – überaus hilfreich für alle, die neurologische Notfälle während der kritischen ersten Stunden in der Rettungsstelle und auf der Intensivstation behandeln. „Die große Resonanz hat unsere Erwartungen noch weit übertroffen“, so ENLS-Kursdirektorin Dr. med. Katja Wartenberg, Leipzig.

Bis auf den letzten Platz besetzt war das Präsidentensymposium zu dem hochbrisanten Thema „Die Zukunft der Notfallversorgung in Deutschland“, das Prof. Dr. Helmuth Steinmetz ganz bewusst gewählt hatte: „Das Thema ist zugegeben sehr politisch, gleichwohl auch für alle im Notfall- und Bereitschaftsdienst Tätigen hochaktuell.“ Vor der kontrovers geführten Podiumsdiskussion zur geplanten neuen Notfallversorgung gab es Vorträge mit sehr unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen und verschiedenen Sichtweisen.
Prof. Dr. André Gries, Leipzig, Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), gab mit seinem Vortrag „Ambulante und stationäre Notfallversorgung – Quo vadis?“ einen Überblick über die stark gestiegene Inanspruchnahme der Notaufnahmen, lange Wartezeiten, Überlastung und Unzufriedenheit des Personals sowie steigende Kosten.
Der Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (SVR-Gesundheit) Prof. Dr. Ferdinand Gerlach, Frankfurt am Main, stellte als „bedarfsgerechte Steuerung der Gesundheitsversorgung“ das Konzept einer integrierten, komplett neu strukturierten Notfallversorgung mit ausgewählten Empfehlungen zum „Abbau von Versorgungsdefiziten und bestehenden Überversorgungen“ vor. Mit dem Ziel einheitlicher effizienter und transparenter Prozesse mit digitaler Vernetzung aller Beteiligten sollen die Patienten in den nach einheitlichen Notfallalgorithmen strukturierten zentralen Anlaufstellen nach einer vorigen telefonischen Erstberatung zentral weiterverteilt werden.
Der Präsident der Deutschen Gesellschaft Interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin (DGINA), Martin Pin,  Düsseldorf, gab in seinem Vortrag „Ersteinschätzung in Notfallzentren“ kritisch zu bedenken, dass in jedem Fall „eine Ersteinschätzung nach Dringlichkeit und Bedarf" geleistet werden müsse. Für die Patientensicherheit sei es entscheidend, dass Hochrisikopatienten unmittelbar und ohne Verzögerungen ärztlich behandelt werden. Nach Ansicht der DGINA müssten Notfallpatienten mit einer validierten Ersteinschätzung von notfallmedizinischen Spezialisten versorgt werden, wie derzeit in den Notaufnahmen der Krankenhäuser.
„Meine anfängliche Sorge, dass die politische Thematik des Präsidentenprogramms etwas zu ‚trocken‘ geraten könnte, erfüllte sich glücklicherweise nicht“, so Helmuth Steinmetz. „Die Vorträge der eingeladenen Sprecher sowie die anschließende Podiumsdiskussion ließen keine Trockenheit  aufkommen, waren für mich und andere eine echte Horizonterweiterung und noch dazu politisch besonders aktuell.“   

Ein besonderes Highlight der Tagung war das Symposium mit dem provokanten Titel „Irreversibler Hirnfunktionsausfall (IHA) und Organspende – zwei Seiten einer Medaille?
Dr. Axel Rahmel, Medizinischer Direktor der Deutschen Stiftung Organspende (DSO), referierte den aktuellen Stand der Organspende in Deutschland mit einem Aufschwung 2018 von insgesamt 955 Organspendern und zeigte die aktuellen Bemühungen des Bundesministeriums für Gesundheit, die Situation in Deutschland mit dem Gesetz für bessere Zusammenarbeit und bessere Strukturen bei der Organspende (GZSO) grundlegend zu verbessern. Erfreulich für die NeuroIntensivmediziner war es, dass die Anregungen der DGNI in dem Gesetzentwurf berücksichtigt wurden.
Dr. Thomas Vogel, Transplantationschirurg aus Münster, veranschaulichte die Bedeutung der Organprotektion und der Organkonservierung und zeigte eindrucksvoll, wie durch normotherme maschinelle Perfusion der Organe mit Blut bessere Ergebnisse bei der Organtransplantation erzielt werden können als durch die herkömmliche Kühlung der Organe mit Nährlösungen.
Die kontroversen Aspekte der Vorträge wurden von Referenten, Vorsitzenden und Zuhörern engagiert diskutiert. Wie  Prof. Dr. Georg Gahn zusammenfassend feststellte, wurde am Ende aber doch deutlich, dass die IHA-Diagnostik eher die eine Seite einer Medaille darstellt, während sich auf deren anderer Seite die Organtransplantation befindet. 

In der gut besuchten Session „Zur Qualitätsdiskussion in der Neuro-Intensivmedizin – Bestimmt die Gesundheitspolitik das Behandlungsergebnis?“ wurde offenkundig, wie sehr die Politik inzwischen auf medizinische Fragestellungen einwirkt.
Seitdem Krankenhäuser bundesweit gesetzlich verpflichtet sind, jährliche Qualitätsberichte zu veröffentlichen, werden die Inhalte und Maßnahmen der Behandlungen als Raster vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) vorgegeben. Unter anderem gehört dazu auch die Sterblichkeitsrate der Patienten. „Wir haben das Unbehagen, dass der Parameter der Sterblichkeit die Aufgabe hat, Hebel in der deutschen Gesundheitspolitik zu sein“, so Prof. Dr. Frank Joachim Erbguth, Nürnberg. In seinem Vortrag „Der Qualitätsindikator ‚Sterblichkeit beim Schlaganfall‘ ist ein Irrweg!“ veranschaulichte er den alltäglichen Umgang auf einer Neuro-Intensivstation mit Patienten, bei denen – etwa nach einem Schlaganfall – der Kampf um das Leben nicht um jeden Preis erwünscht ist. Sobald eine entsprechende Patientenverfügung die Limitierung der ärztlichen Behandlung festlegt, kann das den Abbruch und Verzicht auf Beatmung und künstliche Ernährung sowie den Therapiewechsel zur palliativen Versorgung bedeuten. Wie Erbguth betonte, impliziere die  Berücksichtigung der Patienten-Selbstbestimmung auch einen menschenwürdigen Tod im Krankenhaus und eine engagierte Sterbebegleitung auf einer Palliativstation. Mortalität sei deshalb kein Qualitätsindikator und es könne nicht sein, dass Krankenhäuser schlecht bewertet werden, in denen Patienten sterben und andererseits Krankenhäuser gut bewertet werden, weil sie ihre sterbenskranken Patienten noch in Pflegeeinrichtungen weiterverlegen.
Auch das Beispiel der Schlaganfalltherapie zeige, dass die Überlebensrate kein geeignetes Qualitätskriterium sein kann. So bringe die inzwischen häufig und effektiv eingesetzte Thrombolyse zur Gerinnselauflösung, ein Durchbruch bei der Therapie des akuten Schlaganfalls, „beim Ringen um ein besseres Outcome einen funktionellen Erfolg, aber gleichzeitig eine erhöhte 30-Tages-Sterblichkeit“. Während die Thrombolysetherapie das Ausmaß an Behinderungen nach einem Schlaganfall senkt und den meisten behandelten Patienten ein besseres längeres Überleben bringt, birgt die Behandlung gleichzeitig die Gefahr einer Hirnblutung, die bei etwa 1% der Patienten eintritt und einen früheren Tod im Krankenhaus bedeuten kann.
Nach Erbguths Erfahrung bieten solche vernünftigen Argumentationen in einem freiwilligen Peer-Review eine effektive Möglichkeit, dass Mortalität zum Beispiel beim Schlaganfall differenziert eingeschätzt wird und dass Patienten begründet im Krankenhaus sterben dürfen –  und zwar ohne negative Bewertung im Qualitätsbericht.

Einen umfassenden Einblick in die bundesweite NeuroIntensivmedizinische Versorgungsstruktur gab Prof. Dr. Julian Bösel, Kassel, in seinem Vortrag „Perspektiven und Lösungen bei den Personalanforderungen zur Abrechnung der Intensivkomplexbehandlung für die Neuro-Intensivmedizin“. Bösel betonte das Spektrum hochdramatischer Krankheitsbilder als eine große Herausforderung in der hochspezialisierten NeuroIntensivmedizin. Die adäquate Versorgung der Patienten in einer NeuroIntensivstation bewirkt eine deutliche Reduzierung der Mortalität und eine Verbesserung des funktionellen Langzeitoutcomes, so das Ergebnis einer aktuellen US amerikanischen Studie mit 40.000 Patienten. In Deutschland ist der Bedarf immer noch hoch. Wie eine bundesweite Begehung deutscher Krankenhäuser zeigte, können bisher nur 21 % eine neurologische Intensivstation anbieten.
Am Beispiel der neurologisch-neurochirurgischen Intensivstation am Klinikum Kassel skizzierte Bösel die enormen Schwierigkeiten, die durch die erhöhten Anforderungen für die Abrechnung der Intensivkomplexpauschale entstanden sind. Nur eine überaus geschickte Dienstplan-Lösung der angestellten NeuroIntensivmediziner ermögliche die geforderte 24-Stunden-Präsenz im Krankenhaus, ständige Anwesenheit an 7 Tagen die Woche, tägliche Visite und Verfügbarkeit eines Facharztes mit NeuroIntensivmedizinischer Subspezialisierung innerhalb von 30 Minuten. Deutschlandweit sei ein dringender Bedarf an NeuroIntensivmedizinern festzustellen, auch im Bereich der hochspezialisierten Ausbildung: „Es besteht die Gefahr, dass NeuroIntensivmedizin kaum kostendeckend durchzuführen ist, auch weil es zu wenig Möglichkeiten gibt, dem Ausbildungsauftrag nachzukommen.“ Aktuell könnten nur wenige Kliniken die Ausbildungsauflagen erfüllen. Ein wichtiger Schritt sei eine landesweite und bundeseinheitliche Definition der Ausbildungsinhalte durch die Fachgesellschaft. Bösel appellierte an junge Mediziner, die Zusatzausbildung zum NeuroIntensivmediziner anzugehen, die nach Anforderung der Bundesärztekammer 18 Monate nach der Facharztausbildung dauert.

Einen deutlichen Anstoß zur Ausbildung weiterer qualifizierter Fachärzte gab auch Prof. Dr. Georg Gahn, Karlsruhe, da NeuroIntensivmediziner und Neurologen auf den Intensivstationen bisher immer noch nicht so präsent sind wie Internisten und Anästhesisten. Mit dem Vortragstitel „Überleben der Neuro-Intensiv- und Notfallmedizin – Gefahren, Modelle und Perspektiven“ verdeutlichte Gahn vor dem Hintergrund der vom Gesetzgeber geforderten Strukturvoraussetzungen und existenziellen Probleme der Krankenhäuser, in welchen Bereichen NeuroIntensivmediziner dringend gebraucht werden. Die aktuelle Präsenz in Stroke Units und NeuroIntensivstationen zeige deutlich die Kernkompetenz und auch den weiteren Bedarf der NeuroIntensivmedizin. Auf die bisherige überaus positive Entwicklung sollte aufgebaut werden. Zum Beispiel die mechanische Thrombektomie als anerkanntes, von Neurointerventionalisten und NeuroIntensivmedizinern entwickeltes Verfahren verdeutliche wesentliche, international anerkannte Fortschritte. Auch beim großen Thema Irreversibler Hirnfunktionsausfall (vormals „Hirntod“) als weiterer wichtiger Kernkompetenz in der NeuroIntensivmedizin seien die hochspezialisierten Fachärzte unersetzlich. „Wir müssen Kollegen ausbilden, um die Strukturqualität weiter zu entwickeln“, so Gahns dringender Appell: „Mit Zusatzqualifikationen nach Kriterien der DIVI, im kollegialen Austausch und im Peer-Review ist viel zu lernen!“

Das Resümee des Tagungspräsidenten zu dem hochaktuellen, politisch brisanten und in vielerlei Hinsicht anregenden Kongress war überaus positiv: „Erneut habe ich besonders die interdisziplinären Begegnungen zwischen Neurochirurgie und Neurologie genossen“, so Prof. Dr. Helmuth Steinmetz. „Leider ist ja die ANIM mittlerweile der einzige deutschsprachige Kongress, auf dem sich diese beiden Fächer wissenschaftlich und sozial noch regelmäßig begegnen. Bedauerlich ist dies nicht zuletzt deshalb, da wir vor allem bei der „NeuroIntensivmedizin“, dem historischen Kern der ANIM, geradezu eine Schicksalsgemeinschaft bilden – und an manchen Orten schon zur bedrohten Spezies zu werden drohen. Nur gemeinsam sind wir stark!“

Die nächste Arbeitstagung NeuroIntensivmedizin findet im kommenden Jahr in der Gartenhalle Karlsruhe statt. Vom 29. Januar bis 1. Februar gibt es dann die Möglichkeit zum weiteren Erfahrungsaustausch und zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen bei der ANIM 2020.

Wo stehen wir aktuell mit der neurologischen Intensiv- und Notfallmedizin in Deutschland?
Wir werden im Krankenhaus täglich mit den großen Umbrüchen konfrontiert, die sich momentan in der Versorgung von schwerkranken und Notfallpatienten ergeben. Immense Fortschritte in der Versorgung neurologischer Notfallpatienten sowie steigender Kostendruck stellen uns vor Chancen, aber auch vor Probleme. Es hat sich bewährt, in solchen Situationen ganz nüchtern zu analysieren, in welchen Bereichen unserer Arbeit wir Stärken und Schwächen, Chancen und Risiken haben. Während wir in der Notfallmedizin als Neurologen inzwischen einen doch festen Platz in den Notaufnahmen einnehmen, so ist die Beteiligung der Neurologie und noch weniger der Neurochirurgie an der Behandlung von schwerstkranken neurologischen und neurochirurgischen Patienten auf Intensivstation eher gering. Im Wesentlichen führen Neurologen und Neurochirurgen nur an Universitäten und Krankenhäusern der Maximalversorgung die intensivmedizinischen Behandlungen ihrer Patienten eigenständig durch. An anderen Häusern droht durch eine nur noch konsiliarisch oder phasenweise Einbeziehung von Neurointensivmedizinern die Behandlung neurologischer oder neurochirurgischer Intensivpatienten die entsprechende Expertise für die Behandlung dieser Patienten zu schwinden.

Der Kostendruck im Bereich der Neurointensivmedizin hat inzwischen gewaltig zugenommen, aktuell z. B. im Rahmen der Diskussion um die Verlegungszeiten bei Patienten mit Schlaganfällen für eine interventionelle oder operative Therapie, zum anderen bei den erhöhten Anforderungen an die Vorhaltung intensivmedizinischer Strukturen und Prozesse.

Wo liegen nun unsere Stärken?
Seit den 1990er Jahren haben sich in Deutschland die Neurologen sehr intensiv um den Aufbau von Versorgungsstrukturen für Patienten mit akuten Schlaganfällen bemüht und hierbei beeindruckende Erfolge erzielt. Die Schlaganfallmedizin ist aus der Neurologie nicht mehr wegzudenken. In diesem Bereich sind wir längst daran gewöhnt, Strukturen und Prozesse zu optimieren und auch extern evaluieren und überprüfen zu lassen. Ganz anders ist es in der Intensivmedizin. Auch dort sind die medizinischen Fortschritte enorm und es gilt, sich den Herausforderungen durch die bekannten intensivmedizinischen Qualitätsindikatoren  zu stellen. Nur dadurch kann eine dauerhafte Einbindung der Neurologen und Neurochirurgen in die Intensivmedizin gewährleistet werden.

Auf fachlich-wissenschaftlicher Seite liegt unsere neurointensivmedizinische Kernkompetenz in der Behandlung schwerer zerebraler und auch spinaler Erkrankungen. Seit Jahrzehnten führen wir in Zusammenarbeit mit unseren neuroradiologischen Kollegen interventionelle Behandlungen beim akuten ischämischen oder haemorrhagischen Schlaganfall durch, zunächst nur auf der Grundlage unserer pathophysiologischen Kenntnisse. Man denke z.B. an Ultraschalluntersuchungen während Revaskularisationen. Erst vor kurzer Zeit wurde die überwältigende Effektivität der mechanischen Thrombektomie in entsprechenden Studien nachgewiesen, womit unsere pathophysiologischen Konzepte auch belegt werden konnten. Ähnliches gilt für die Behandlung von malignen Mediainfarkten oder die Aneurysmatherapie. Aktuell steht das Thema Organspende und die damit verbundene Diagnostik des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls ganz hoch auf der politischen und fachlichen Agenda. Hier gilt es, dass wir uns als Neurointensivmediziner mit unserer Kernkompetenz einbringen – wir sind hier nicht ersetzbar.

Wohl kaum ein anderes Fach beinhaltet so viel wissenschaftliches Potential wie die Neuromedizin. Wir als DGNI bieten eine vielfältige Forschungs- und Nachwuchsförderung. So integriert die Neurointensivmedizin aus meiner Sicht ein wunderbares „Triumvirat“ aus Patientenversorgung und Wissenschaft, Forschung und Lehre sowie auch der Ökonomie. Es gibt keinen Grund, sich von externem Druck einschüchtern zu lassen, wir sollten viel mehr selbstbewusst im Bereich der Neurointensiv- und Notfallmedizin auftreten und uns den Anforderungen stellen.

Prof. Dr. Georg Gahn, Präsident der DGNI

Berlin. „Die Unterbesetzung von intensivmedizinischen Abteilungen im Krankenhaus kann fatale Folgen für Patienten haben“, stellte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sehr richtig fest. Und möchte mit dem seit 1. Januar geltenden Gesetz „Personaluntergrenze für pflegesensitive Krankenhausbereiche“ für ausreichend Pflegepersonal sorgen. Einer dieser Bereiche ist die Intensivmedizin. Hier sind ab sofort pro Tagschicht maximal 2,5 Patienten pro Pflegekraft zu versorgen, in der Nachtschicht 3,5 Patienten pro Pflegekraft. Soweit die Theorie.

Und die Praxis? „Wir lehnen die neuen Richtwerte entschieden ab und fordern die Politik auf, sich an unseren Vorgaben aus der Praxis zu orientieren“, sagt Professor Stefan Schwab, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), in einer Pressemitteilung. Und auch die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) stellt fest: „Wir sehen Pflegepersonaluntergrenzen in neurologischen Kliniken als sinnvolles Instrument an, wenn sie sich am tatsächlichen Versorgungsbedarf der Patienten ausrichten“, so Professor Armin Grau, Mitglied der Task Force Pflege der DGN. Beide Gesellschaften empfehlen für neurologische Intensivstationen durchgehend den Personalschlüssel von einer Pflegekraft für die Versorgung von zwei Patienten.

Dieser Empfehlung schließt sich auch die Deutsche Gesellschaft für NeuroIntensiv- und Notfallmedizin (DGNI) an. In einer Stellungnahme äußert sich der Vorstand wie folgt: „Grundsätzlich erscheint eine gesetzliche Festlegung von Untergrenzen im Verhältnis von Pflegekraft zu Patienten sinnvoll. Ob mit den im neuen Gesetz festgelegten Untergrenzen allerdings das geplante Ziel der Qualitätsverbesserung sowie der deutlichen Entlastung der Pflegenden erreicht werden kann, bleibt abzuwarten.“ Das geplante Vorgehen erscheint nicht geeignet, eine aktuell notwendige zeitnahe und auch kurzfristige Lösung zur Entspannung der Personalbelastung in der Pflege herbeizuführen. Problematisch sieht die DGNI die Berechnungsgrundlage für die Pflegeuntergrenzen, die in einer Perzentilenrechnung erfolgte. Im Rahmen einer Untersuchung zeigte sich ein deutlicher Unterschied in der jeweiligen Personalbesetzung in unterschiedlichen Krankenhäusern. Im internationalen Vergleich ist die festgesetzte pflegerische Grenze auch eher am unteren Bereich anzusiedeln. „Es sollen ja initial nur die 25% der schlechtesten Krankenhäuser im Hinblick auf Personal/Patientenverhältnis an die übrigen 75% angeglichen werden. Erfolgt die Berechnung der Untergrenzen auf oder nur knapp über dem Niveau der am schlechtesten besetzten Kliniken birgt dies auch potentiell das Risiko einer schlechteren Personalausstattung in der Zukunft, da Kliniken mit besserem Personalschlüssel bei fehlendem positiven finanziellen Anreiz dann Personal einsparen würden und trotzdem die gesetzlichen Vorgaben einhalten würden. Daher erscheint ein positiver finanzieller Anreiz für Krankenhäuser mit besserem Personalschlüssel eigentlich als besserer Ansatz“, betont DGNI-Präsidiumsmitglied Dr. Sylvia Bele.

Zudem ist der Personalschlüssel zu Patienten nicht der einzige Grund für die steigende Arbeitsbelastung. Hierzu zählt z.B. die zunehmende Dokumentationspflicht, zunehmend ältere multimorbide Patienten, erhöhter Patientenumsatz in den Krankenhäusern und vieles mehr. Dies wird in dem Gesetz nicht berücksichtigt, ebenso wenig wird dem jeweiligen Versorgungsaufwand der Patienten einer Station keine Bedeutung beigemessen. Dies dient zur Vereinfachung der Einführung von Pflegeuntergrenzen und soll potentiell in einem zweiten Schritt dann mit zurate gezogen werden, um entsprechende Pflegeuntergrenzen in besonderen Bereichen festzulegen.

Zusätzlich muss berücksichtigt werden, dass bei fehlender personeller Abdeckung Betten in den entsprechenden Abteilungen geschlossen und Patienten evtl. in eine andere, weiter entfernte Klinik transportiert werden müssen, was auch ein Risiko bergen kann. Allein die geplante Schaffung neuer Pflegestellen und die Vorgabe von Untergrenzen kann dieses Problem nicht lösen, da es zur Zeit nicht genügend Pflegekräfte am Markt gibt, um den Bedarf zu decken. Im Gesetz fehlen grundsätzlich der Anreiz zur Bindung der Pflegekräfte an die jeweilige Versorgungseinheit und das Krankenhaus, zur Steigerung der Attraktivität des Arbeitsplatzes in einem pflegesensitiven Bereich sowie die Aufwertung und Wertschätzung des Pflegeberufes. Woher die fehlenden Pflegekräfte rekrutiert werden sollen, bleibt unklar.

Die Deutsche Gesellschaft für NeuroIntensiv- und Notfallmedizin (DGNI) veranstaltet gemeinsam mit der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG) in der kommenden Woche ihre Jahrestagung ANIM 2019. Diese findet zum 36. Mal statt und zwar vom 17.-19. Januar, in diesem Jahr in Berlin. Seit jeher steht die ANIM für eine enge Verzahnung der neurologischen und neurochirurgischen Notfall- und Intensivmedizin und dem Pflegebereich.

Alle Informationen zur ANIM, weitere Pressemitteilungen sowie die Möglichkeit zur Akkreditierung finden Sie online über die Tagungshomepage www.anim.de.

Medienvertreter sind herzlich nach Berlin eingeladen! Wenn Sie an einem speziellen Thema Interesse haben, vermitteln wir Ihnen gern einen individuellen Interviewpartner dazu. Bitte wenden Sie sich mit allen Fragen an den Pressekontakt!

Pressekontakt:
Deutsche Gesellschaft für NeuroIntensiv- und Notfallmedizin (DGNI)
Romy Held, Pressestelle
c/o Conventus Congressmanagement & Marketing GmbH
Telefon 03641/3116-280
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