„Die Zukunft der Notfallversorgung in Deutschland“ – das große Thema des Präsidentensymposiums am zweiten Kongresstag der ANIM ist hochbrisant: „Ich habe mich ganz bewusst zu einem politischen Symposium entschlossen, das in den letzten Monaten noch an Aktualität gewonnen hat“, betonte Kongresspräsident Helmuth Steinmetz in seinen einleitenden Worten vor einem vollen Auditorium.

André Gries, Leiter der Zentralen Notfallaufnahme Leipzig, gab mit seinem Vortrag „Ambulante und stationäre Notfallversorgung – Quo vadis?“ einen Überblick über die stark gestiegene Inanspruchnahme der Notaufnahmen, lange Wartezeiten, Überlastung und Unzufriedenheit des Personals sowie steigende Kosten. Ferdinand Gerlach, Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, Frankfurt am Main, stellte ausgewählte Empfehlungen zum „Abbau von Versorgungsdefiziten und bestehenden Überversorgungen“ vor und stellte als „bedarfsgerechte Steuerung der Gesundheitsversorgung“ das Konzept einer integrierten, komplett neu strukturierten Notfallversorgung vor: „Wir sind überzeugt, dass in der Notfallmedizin mit 10 Notfallkontakten pro 1000 Patienten im Jahr einiges schief läuft, das ist im internationalen Vergleich viel zu viel!“ Statt der bisherigen Dreiteilung von Notaufnahmen der Kliniken, Rettungsdienst und Kassenärztlichem Bereitschaftsdienst sollen zukünftig - von Krankenhausgesellschaften und Kassenärztlichen Vereinigungen gemeinsam finanziert - sogenannte Notfallleitstellen aufgebaut werden.

Mit dem Ziel einheitlicher effizienter und transparenter Prozesse mit digitaler Vernetzung aller Beteiligten sollen die Patienten in den nach einheitlichen Notfallalgorithmen strukturierten zentralen Anlaufstellen nach einer vorigen telefonischen Erstberatung an einem sogenannten „Tresen“ weiter verteilt werden. Entscheidend sei, dass dieser „eine Ersteinschätzung nach Dringlichkeit und Bedarf" leistet, wie der Präsident der Deutschen Gesellschaft Interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin (DGINA), Martin Pin, Düsseldorf, in seinem Vortrag „Ersteinschätzung in Notfallzentren“ kritisch zu bedenken gab. Gerade bei älteren Patienten mit Delir, Demenz, eingeschränkter Kommunikationsfähigkeit sei der geplante telefonische Erstkontakt kaum durchzuführen: Es sei elementar für die Patientensicherheit, dass Hochrisikopatienten unmittelbar und ohne Verzögerungen ärztlich behandelt werden. Notfallpatienten müssten nach Ansicht der DGINA mit einer validierten Ersteinschätzung von notfallmedizinischen Spezialisten versorgt werden wie derzeit in den Notaufnahmen der Krankenhäuser.

In der kontrovers geführten Podiumsdiskussion zur geplanten neuen Notfallversorgung - nach der Einschätzung von Helmuth Steinmetz „eine Lösung einiger Probleme, die wir heute schon haben“ -, hatte Stefan Schwab, Erlangen, zwar grundsätzlich „keinen Dissenz“, stellte aber doch kritische Fragen: „Wo sehen Sie all die Ärzte? In meiner Region in Franken sehen wir die nicht!“. Außerdem erfordere die Neuregelung „eine erhebliche Edukation der Patienten, eine Herkulesaufgabe für die nächsten Jahre!“ Nach Ansicht von Frank Joachim Erbguth, Nürnberg, ist der Vorschlag „logistisch grandios“. Der Vorsitzende der DGN-Kommission Leitende Krankenhausärzte hatte allerdings Bedenken zur Steuerungsfunktion und umfassenden fachlichen Kompetenz am „Tresen“, an dem die medizinischen Entscheidungen getroffen werden sollen.

Helge Topka, München, Vorsitzender der DGN-Kommission Neurologische Notfallmedizin, fragte nach Anreizen für Allgemeinmediziner und stellte die Frage nach Sanktionen, die jedoch nicht geplant seien. Dazu Gerlach: „Im Idealfall haben wir Generalisten mit zusätzlicher Notfall-Qualifikation. Ziel ist eine insgesamt bedarfsgerechtere Steuerung, um von unnötigen Eingriffen diagnostischer und therapeutischer Art herunterzukommen.“ Hauptkritikpunkt an der jetzigen Situation seien vor allem auch „zu viele Kliniken in Ballungsräumen, Krankenhäuser in Rollatornähe, die dazu führen, dass sich Hamsterräder drehen, ein enormer Verschleiß an ärztlichen und pflegerischen Kräften. Wenn diese Strukturprobleme gelöst sind, sind Arbeitskräfte frei für notwendige Aufgaben!“

Neues zur Interaktion zwischen Herz und Hirn

Neben einer Anzahl weiterer interessanter Symposien ging es am zweiten Kongresstag unter Vorsitz von Matthias Endres, Berlin, und Christoph Kleinschnitz, Essen, um neue Erkenntnisse in der Interaktion von Herz und Hirn.

Wie ein akutes Koronarsyndrom nach Schlaganfall frühzeitig zu erkennen ist, legte Christian Nolte, Berlin mit der Auswertung aktueller Untersuchungen dar. Nach Schlaganfall ist ein akutes koronares Syndrom nicht so selten wie lange angenommen, verläuft aber häufig ohne typische klinische Beschwerden. Tatsächlich sollen bei 25% der Schlaganfallpatienten stille koronare Herzerkrankungen vorkommen, wie in Untersuchungen mit Koronarangiographie gezeigt werden konnte.

Neue Erkenntnisse aus experimentellen Studien zu Myokardschädigungen nach Schlaganfall stellte Sebastian Sander, Düsseldorf, vor. Nach einem Schlaganfall haben Betroffene ein erhöhtes Risiko, chronisches Herzversagen zu entwickeln. 19 Prozent der Schlaganfallpatienten erlitten einen Herzinfarkt oder einen plötzlichen Herztod.

„Neues zur Takotsubo-Stresskardiomyopathie nach akuten neurologischen Erkrankungen“ war der Titel des Vortrags von Jan Friedrich Scheitz, Berlin, bei dem es um das sogenannte „Broken-Heart-Syndrom“ ging. Diese plötzlich, intensiv und unerwartet einsetzende und oft schwerwiegende Funktionsstörung des Herzmuskels, die vorwiegend bei Frauen ab 55 Jahren auftritt, gleicht in den Symptomen einem Herzinfarkt und folgt oft unmittelbar auf ein vorausgehendes Stress-Ereignis. Frauen sind 10-mal so häufig betroffen wie Männer. Mit entsprechender Behandlung ist die Stresskardiomyopthie nahezu komplett reversibel.