Neue Therapiemöglichkeiten für Querschnitts-Patienten
Professor Dr. med. Martin Schwab, University and Federal Institute of Technology Zurich (01.02.2012) Nervenfasern des Rückenmarks können sich nach schweren Verletzungen regenerieren, wenn ein Antikörper den Nervenwachstumshemmstoff Nogo-A neutralisiert. Das gilt zumindest für Ratten und Makaken, denen spinale Traumata zugefügt wurden, erläuterte Prof. Martin Schwab, Institut für Hirnforschung, Zürich, auf dem Präsidentensymposium der Arbeitstagung NeuroIntensivmedizin (ANIM) am 19. Januar 2012.

Ob das auch für querschnittsverletzte Menschen gilt, wird demnächst eine „Proof-of-concept–Studie“ (Phase-II) zeigen. In einer ersten, in Zusammenarbeit mit Novartis durchgeführten Studie (Phase-I), hatten frisch verletzte querschnittsgelähmte Patienten hohe Dosen eines Antikörpers gegen den Nervenwachstumshemmstoff Nogo-A erhalten. Das erfreuliche Resultat sei, so Schwab, dass es keine negativen Nebenwirkungen gab.


Regenerationsvorgänge in einem paraplegischen Rattenmodell


Das Team um Martin Schwab untersuchte zunächst nervale Regenerationsvorgänge in einem paraplegischen Rattenmodell. Wichtige Meilensteine dabei waren die Entdeckung des inhibitorischen Proteins Nogo-A und die Entwicklung eines Antikörpers, der die Nogo-Wirkung neutralisieren kann. In Tieren mit einer frisch gesetzten Rückenmarksläsion induzierte der Nogo-A-Antikörper ein Wachstum der geschädigten Rückenmarksfasern um die frische Narbe herum in Richtung caudal. Diese neu gebildeten Fasern waren funktionell, wie Verhaltenstests zeigten. Die Anti-Nogo-A-behandelten Ratten konnten sich in diesen Tests deutlich besser bewegen als die nicht behandelten Kontrolltiere.

Die Anti-Nogo-Behandlung ermöglichte bei der Ratte das Wachstum der Nervenfasern über die Rückenmarksläsion hinaus (Längsschnitt, Läsion links oben)


Die Anti-Nogo-Behandlung ermöglichte bei der Ratte das Wachstum der Nervenfasern über die Rückenmarksläsion hinaus (Längsschnitt, Läsion links oben)

 

Der nächste Schritt Richtung Humantherapie

Erfolgreiche Versuche an Makaken waren ein weiterer Schritt Richtung Humantherapie. Nach einer zervikalen Rückenmarksläsion zeigten die Affen eine typisch plegische Hand, die sie nicht öffnen und daher auch bei verschiedenen Aufgaben nicht einsetzen konnten. Diejenigen Tiere, die Nogo-A-Antikörper intrathekal via Pumpe erhalten hatten, konnten hingegen ihre Hand öffnen und zum Greifen oder Fangen von Futterstückchen einsetzen. Parallel dazu war ein Wachstum der Nervenfasern in den anatomischen Untersuchungen zu verzeichnen.

Schwabs Fazit: In den letzten Jahren hat sich ein ganz neues Verständnis des Regenerationsprozesses im ZNS entwickelt, das von tierexperimentellen Ergebnisse über die Entwicklung eines biologischen Konzeptes hin zu ersten Therapiestudien beim Menschen reicht.