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Traditionell sind Weihnachten und die Tage bis Silvester eine Zeit der Rückschau. Die DGNI blickt lieber voraus – zusammen mit dem Kongresssekretär der Arbeitstagung NeurointensivMedizin, Dr. Gerhard Jan Jungehülsing. Im Visier: Aktuelle und traditionelle Themen der ANIM, die vom 18. bis zum 21. Januar 2012 in Berlin statt findet.
Die ANIM 2012 ist die 29. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Neurointensiv- und Notfallmedizin (DGNI) und der Deutschen Schlaganfallgesellschaft (DSG). Was hat Tradition? Jungehülsing: Das Besondere an der ANIM ist, dass hier verschiedene Fach- und Berufsgruppen zusammenkommen. Hier treffen sich Ärzte aus der Neurochirurgie, der Neurologie, der (Neuro-) Radiologie, der Anästhesie und anderen Fächern, Pflegepersonal, Logopäden, Ergotherapeuten, Studienassistenten und andere in der Intensivmedizin Tätige, um sich auszutauschen und fortzubilden. Mit schätzungsweise 1500 Teilnehmern erwarten wir in Berlin einen Besucherrekord.
Mittlerweile auch schon traditionell wird die ANIM nicht mehr allein von der DGNI, sondern zusammen mit der Deutschen Schlaganfall Gesellschaft (DSG) veranstaltet. Denn die vaskulären Erkrankungen bilden einen großen Teil des Arbeitsgebietes der Neurointensivmediziner ab. Das zeigt sich auch im Programm, das Themengebiet „Schlaganfall“ nimmt knapp die Hälfte ein. Einige aktuelle Diskussionspunkte sind zum Beispiel der Stellenwert der Neuro-Thrombektomie bei der akuten Schlaganfalltherapie. Bedeutet z.B. eine bessere Rekanalisation auch ein besseres Outcome? Daraus ergeben sich auch Fragen nach dem zukünftigen Stellenwert der systemischen Lysetherapie.
Was sind thematische Höhepunkte der diesjährigen ANIM? Ein Hauptthema sind Schädelhirn- und spinale Traumata und ihre Folgen. Das ist auch das Thema des Präsidentensymposiums. Hier geht es um aktuelle Therapiestandards, neue Therapiemöglichkeiten wie zum Beispiel regenerative Methoden oder Nogo-Antikörper, apallisches Syndrom und andere Spätfolgen – hier auch die psychischen bzw. psychiatrischen. Apropos Spätfolgen, das Thema „psychische Spätfolgen“ taucht unter den verschiedensten Krankheitsbildern immer wieder im Programm auf. Zum Beispiel Depressionen nach Schlaganfall oder die Betrachtung der verschiedenen psychischen Folgen, die eine Neurointensivbehandlung bei älteren Menschen auslösen kann.
Sie haben den über 80-Jährigen ein eigenes Symposium gewidmet, warum? Betrachten wie zum Beispiel einen über 80 Jährigen auf der Schlaganfallstation. Klar ist, dass er anders behandelt werden muss als ein Anfang 50 jähriger Mensch mit einem akuten Schlaganfall. Denn in aller Regel müssen mehr Komorbiditäten berücksichtigt werden, Komplikationen sind häufiger und verlaufen anders als bei jüngeren Patienten und dazu kommen noch Interaktionen mit Medikamenten. Gerade in dieser Patientengruppe werden wir in Zukunft – bedingt durch zunehmend begrenzte Budgets – auch immer häufiger vor ethisch-moralischen Fragen stehen, wie zum Beispiel Altersgrenzen für bestimmte diagnostische bzw. therapeutische Verfahren“
Stichwort „ethisch-moralisch“, reden Sie auch über die Hirntoddiagnostik und die häufig damit verknüpfte Frage der Organspende? Natürlich, die Hirntoddiagnostik ist jedes Jahr ein wichtiges Thema auf der ANIM. Sie ist einer der häufigen Gründe, warum Neurointensivmediziner von anderen Intensivmedizinischen Fachgruppen gerufen werden. Entscheidend ist letztlich die klinische Diagnostik. Der Stellenwert der apparativen Zusatzdiagnostik und die Bildgebung sind weniger ausschlaggebend. Zur Hirntoddiagnostik gibt es ein Ärztetutorial sowie eine wissenschaftliche Sitzung, in der u.a. diskutiert wird, ob es bei diesem – auch durch die Medien stark emotionalisiertem Thema – nicht sinnvoll wäre, durch Öffentlichkeitsarbeit proaktiv in die Mediendiskussion einzugreifen. Auch die aktuelle Situation der Organspende, mit der Frage Widerspruchslösung, oder eine erweiterte Zustimmungsregelung wird erörtert. Das große Problem über alle Erkrankungen hinweg ist, dass Neurointensivpatienten sehr häufig nicht mehr einwilligungsfähig sind. Daher müssen häufig Gespräche mit Angehörigen oder Betreuern geführt werden, die dann hoffentlich zu Entscheidungen führen, die im Sinne der Patienten richtig sind. Das betrifft auch Entscheidungen am Lebensende.
Welche Programmpunkte würden Sie noch hervorheben? Für mich persönlich ist das Symposium Neurologische Komplikationen nach Extrem-Sport ein Highlight. Dieses Thema hatten wir in dieser Form noch nie. In den Vorträgen gehen wir auf die Sportarten Boxen, Bungee Jumping, Marathon, (Apnoe)-Tauchen und Trekking ein. Gerade die drei letztgenannten sind inzwischen regelrecht zum Volkssport avanciert. Das heißt neurologische Komplikationen können in diesem Bereich einen relativ großen Personenkreis treffen. Eine Höhenkrankheit zum Beispiel kann bereits bei relativ niedrigen Höhen ab 2000 Metern auftreten. Sie beginnt mit Kopfschmerzen und Gefäßweitstellung, die von vielen Wanderern auf die Anstrengung zurückgeführt wird. Wer nicht absteigt oder ausruht, kann schwerwiegende Komplikationen wie zerebrale Ödeme oder Schlagfanfälle riskieren. Ein ganz anderer Höhepunkt ist der Early Hour Educational Course (EHEC) on EHEC, der die Rolle der Neurointensivmedizin bei der stattgefundenen EHEC-Epidemie betrachtet. Besonders aufmerksam möchte ich auf die Symposien und Tutorials zum NeuroMonitoring auf der Intensivstation machen. Hier gab es in den letzten Jahren eine ganze Reihe von neuen Erkenntnissen und Entwicklungen zum Beispiel zur Mikrodialyse oder zur Bedeutung der „Spreading Depolarisations“ bei der traumatischen Hirnschädigung oder bei der Subarachnoidalblutung.
Und ebenfalls Premiere bei der ANIM haben Tutorials, bei denen sich Ärzte und Pfleger gemeinsam fortbilden. Während früher hier zumeist strikt getrennt wurde, setzen wir diesmal verstärkt auch auf Disziplin-übergreifende Tutorials. Diesjährige Themen sind u.a.: Beatmung (I, II und III) am Mittwoch, Notfallsituationen auf der ITS – Fall-basiertes Training/ALS Training und Durchführung klinischer Studien auf der Intensivstation und der Stroke Unit.
Neben sehr viel medizinische Fortbildung bietet die ANIM auch persönliche Weiterentwicklung ... In Zeiten, in denen das Thema Burnout in aller Munde ist, bieten wir auch eine Pflege-Therapiesitzung an mit dem bewusst salopp formulierten Titel Hurra ich lebe noch, Strategien, wie man auf der Intensivstation „alt“ werden kann. Hier geht es um Themen, die sowohl die Ärzte als auch das Pflegepersonal seelisch-emotional belasten können, wie „Kritik“ oder „Sterben auf der Intensivstation“, aber auch Wege, diese Belastungen zu bewältigen, wie „ Kommunikation im therapeutischen Team, oder „Immer nur Jammern? Der Weg zur (Selbst-) Zufriedenheit“. Darüber hinaus stellen wir gerade im Pflegebereich Fortbildungsmöglichkeiten und Karrierechancen vor und werden zum ersten Mal auf der ANIM für Ärzte und Pfleger einen Online- und Präsenzstellenmarkt einrichten.
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