Clinical practice and risk factors for immediate complications of endotracheal intubation in the intensive care unit: A prospective, multiple-center study

Samir Jaber et al.
In: Crit Care Med, 2006, 34(9):1-7


BEWERTUNGSSYSTEM

*****    = hervorragende Arbeit
****    = gute grundlagenwissenschaftliche Arbeit/klinische Studie/Übersichtsarbeit
***    = geringer Neuheitswert oder nur für Spezialisten geeignet
**    = weniger interessant, leichte formale oder methodische Mängel
*    = erhebliche Mängel

 

NIMA 2 2007


Bewertung: ****





Zielstellung:

Es sollen bei endotrachealen Intubationen (ETI) auf Intensivstationen die aktuelle Praxis, die Häufigkeit von Komplikationen und prädiktive Faktoren für deren Auftreten beschrieben werden.

Design:

Multizentrische Beobachtungsstudie. Teilnahme von 7 (medizinischen, chirurgischen und gemischten) Intensivstationen an 2 Universitätskliniken mit der Analyse von 253 Intubationsereignissen bei 220 Patienten von Januar bis Juni 2003.

Wichtige Resultate:

Die häufigsten Indikationen zur ETI waren akute respiratorische Insuffizienz (Dyspnoe mit SaO2<90% und/oder Verwirrung), Schock (systolischer Blutdruck < 90 mmHg) und verminderte Bewusstseinslage (Glasgow Coma Scale 1 Jahr, < 5 Jahre Anaesthesie-Erfahrung) vorgenommen. Bei 71 ETI (28%) trat mindestens 1 schwere Komplikation auf: Eine schwere Hypoxämie (SaO2<80%) in 26%, schwere Kreislaufinsuffizienz (1malig systolischer Blutdruck < 65 mmHg oder länger als 30 Min. < 90 mmHg trotz Verabreichung von 500-1000ml Kristalloid- oder Kolloid- Lösungen) in 25% und ein Herzstillstand in 2% der Patienten. Andere Komplikationen waren eine schwierige Intubation (12%), Herzrhythmusstörungen (10%), Intubation in den Oesophagus (5%) und Aspiration (2%). Patienten, die nach ETI eine schwere Komplikation erlitten hatten, wiesen gegenüber den Kontrollpatienten eine signifikant höhere Mortalität (61% zu 31%) auf, wobei der SAPS II Score bei diesen Patienten signifikant höher war. Die Mortalität aufgrund von ETI-assoziierten Komplikationen, die bei 2 Patienten innerhalb von 30 Min. nach dem Prozedere zum Tod führten betrug 0.8%. Als unabhängige Risikofaktoren für das Auftreten von Komplikationen wurden akute respiratorische Insuffizienz und Schock als Indikationen zur ETI identifiziert. Die Anwendung unterschiedlicher Narkotika, von Muskelrelaxantien, Glasgow Coma Scale und die Wahl des Vorgehens als "Rapid Sequence Intubation" war ohne Relevanz. Wurde die ETI von einem jüngeren Arzt, supervisiert durch einen Erfahrenen vorgenommen, so war dies ein protektiver Faktor gegen das Auftreten von Komplikationen.

Schlussfolgerungen:

Die ETI ist bei Patienten auf der Intensivstation mit einer hohen Rate von sofort auftretenden, schweren und lebensbedrohlichen Komplikationen verbunden. Unabhängige Risikofaktoren für das Auftreten von Komplikationen waren das Vorliegen von akuter respiratorischer Insuffizienz und Schock als Indikationen zur Intubation. Um die Sicherheit der ETI auf den Intensivstationen zu erhöhen, sollten weitere Studien dahin zielen dazu zu dienen, standardisierte Protokolle zur Intubation auf Intensivstationen zu definieren.

Kommentar:

In Anbetracht der sehr hohen Inzidenz lebensbedrohlicher Komplikationen handelt es sich um eine Arbeit mit hoher Relevanz, zumal bisher noch keine Publikationen zur Identifikation von Risikofaktoren für das Auftreten von Komplikationen vorliegen. Bekannte Risikofaktoren können dazu führen, dass in der Praxis standardisiert entsprechende präventive Maßnahmen ergriffen werden, wie z.B. die Weisung dass dann die ETI immer von 2 Ärzten, wovon der eine besonders erfahren, vor Ort zusammen vorgenommen werden soll. Methodisch und statistisch ist die Arbeit einfach und korrekt durchgeführt. Die einzige methodischer Einschränkung besteht darin, dass die Daten primär durch die Intubierenden selbst protokolliert und nicht von einem unabhängigen Beobachter erfasst wurden, wodurch eine mögliche Unterschätzung der Komplikationsrate und deren Konsequenzen vorliegen könnte. Dies wird allerdings in der Arbeit transparent gemacht und auch diskutiert.



(E. Keller)