Accuracy of weight and height estimation in an intensive care unit: implications for clinical practice and research

Bloomfeld R, Steel E, MacLennan G, Noble DW
In: Crit Care Med 2006; 34: 2153-7


BEWERTUNGSSYSTEM

*****    = hervorragende Arbeit
****    = gute grundlagenwissenschaftliche Arbeit/klinische Studie/Übersichtsarbeit
***    = geringer Neuheitswert oder nur für Spezialisten geeignet
**    = weniger interessant, leichte formale oder methodische Mängel
*    = erhebliche Mängel

 

NIMA 2 2007


Bewertung: ****





Zielstellung:

Wie genau werden Gewicht und Größe von Intensivpatienten geschätzt?

Design:

Prospektive Beobachtung. 20 Mitglieder des Teams einer Intensivstation schätzten Größe und Gewicht von 14 Patienten. Beides wurde dann mit Bettlifter und Metermaß nachgemessen.

Wichtige Resultate:

19% der Gewichtsschätzungen wichen um mehr als 20% nach oben und unten von der Wirklichkeit ab, 47% um mehr als 10%. Im Extrem wurde das Körpergewicht um 33% unter- und um 45% überschätzt. Je dünner und je dicker die Patienten waren, desto größer wurden die Abweichungen, und zwar mit einer Tendenz zum Durchschnittswert. Die Größenschätzungen lagen innerhalb einer 10% Toleranz in den meistens Fällen annähernd genau. Als Extreme wurden eine um 9% zu geringe und um 18% zu große Körperlänge geschätzt. Tendenziell etwas genauer schätzten ältere (Ober-)Ärzte.

Schlussfolgerung:

Erhebliche Fehleinschätzungen von Größe und Gewicht ist häufig. Das kann zu Fehlern beim Befolgen von Therapieschemata führen und auch Einfluss haben auf Studienergebnisse.

Kommentar:

Diese schlichte und mit minimalem Aufwand erstellte Studie als solche und ihr Ergebnis bedarf keines großartigen Kommentars. Alles, was man am Design bemängeln könnte, würde dazu führen, dass die Fehleinschätzungen im Ausmaß eher zunähmen. Jeder halbwegs aufmerksame Beobachter wusste oder zumindest ahnte schon immer, dass man einigermaßen zuverlässig nur diejenigen Größen und Gewichte schätzen kann, deren Messung man bereits einmal miterlebt hat, am besten also die der eigenen Statur. Von daher ist einleuchtend, dass Ärzte mit längerer Berufserfahrung etwas besser schätzen; sie haben eben schon häufiger im Nachhinein Messwerte von Patienten gesehen, bei denen sie sich vorher verschätzt hatten. Es ist trivial, dass bei gegebener Bettlänge die Größe genauer (immerhin: 20% macht aus einem 150er- einen 180er-Menschen!) geschätzt werden kann als das Gewicht, vor allem wenn der Anhaltspunkt einer Konfektionsgröße bei einem stehenden Menschen fehlt. Es entspricht auch geläufigen Gesetzen der Statistik und der Psychologie, dass bei Extremen, hier sehr Dicken und sehr Dünnen, viele Schätzungen eher zum statistischen Mittelmaß tendieren werden.

Bemerkenswert ist, dass sich bisher nur ganz wenige Arbeiten mit diesem Thema auseinandersetzten. Insofern ist die jetzige Publikation in einem so exponierten Journal angemessen. Das Studienergebnis musste einfach einmal laut bekannt gegeben werden.

Denn es geht hier um etwas Bedeutsames, solange wir in der Intensivmedizin mit Formeln arbeiten, die Medikation oder Beatmung oder Ernährung und manches andere nach Gewicht und Körperoberfläche applizieren lassen. Wir stellen am Respirator nicht 5,8 oder 6,2 mL/kg KG ein, sondern 6,0, und haben uns beim KG auf eine Schätzung verlassen, die um 20% daneben liegt. Das ist grotesk. Wir messen und messen unablässig, aber bei einem solchen Basisparameter verlassen wir uns auf unser traditionell immer wieder bemühtes, offensichtlich aber irrtumsbehaftetes Auge. In der Intensivmedizin kann man im Gegensatz zu anderen Funktionsstellen die Patienten oft nicht nach Größe und Gewicht befragen. Immerhin könnte man sich auch an die Angehörigen wenden, was oft genug nicht zur selbstverständlichen Routine gehört.

Also: wer mit gewichts- und größenbezogenen Nomogrammen und Formeln arbeitet, muss einfach in eine Wiegeeinrichtung investieren. Sonst täuscht in Anbetracht der aufgezeigten Fehleinschätzungen die Dreisatzübung eine völlig unsinnige Pseudogenauigkeit vor.

Ein weiterer wichtiger Hinweis der Autoren wendet sich an die Designer von Studien. Körpergröße und Gewicht, sofern sie für die Beantwortung der Fragestellung in einer Vergleichsstudie eine denkbare Rolle spielen, können bei Fehlschätzung den statistischen Typ-II-Fehler drastisch vergrößern, d.h. die Sensitivität der Aussage schwächen, es sei denn man vergrößert das untersuchte Patientenkollektiv massiv. Das wurde bisher wohl in zahlreichen Studien-Fallzahlkalkulationen nicht in Betracht gezogen. Wir lassen uns überraschen, ob wir in Zukunft vor Einschluss in Studien die (Intensiv-) Patienten objektiv vermessen müssen.

(W. Müllges)